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Archiv Presse

PRESSEZEUGS

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BERLIN ALEXANDERPLATZ

 ZITTY 09/12

In Carlos Manuels Inszenierung mit der jugendtheaterwerkstatt spandau spielt die Geschichte im Berlin von heute, zwischen Träumen und bitterer Realität, immer knapp am sozialen Abgrund entlang. Im neueröffneten Theaterraum der jtw beeindruckt besonders der erste Teil, in dem die Zuschauer mitten im Geschehen zwischen den Schauspielern herumlaufen. In der Fülle an Reizen, Personen, widersprüchlichen Textfetzen alles mitzubekommen, ist nicht möglich – eine effektive szenische Lösung, um das Erlebnis von Chaos zu vermitteln und großartige Umsetzung des polyphonen Textes. Durch die klare Form wird gerade der Nicht-Profistatus der meist jugendlichen Darsteller zur Qualität: Sie geben den Figuren viel vom eigenen Leben.

STRATEGIE MEINES ERFOLGES

 ZEIT 08/10

Ein Theater-Großereignis fand in der Turnhalle der B-Traven-Oberschule / Spandau unter dem Titel ‚Strategie meines Erfolges – ein Projekt über die Produktion von Geschichte‘ statt. Jugendliche hatten Leben und Träume konsumiert, anonym Texte geschrieben, bewertet, gestrichen, sortiert. Sie sprachen den ihnen zugeteilten Text schnell und waren infolge vom Raumhall, Publikumsgeräuschen und Musik oft nicht zu verstehen. Der Zuschauer fühlte sich wie in einer Bahnhofshalle. Engel/Wachpersonal/Blinde bestimmten Aufenthaltsräume. Zwischen allem lag Nebel. Wer nach Hause gekommen war, genoss Ruhe und hatte Erinnerungen, wenige Stunden wirkten infolge der Vielzahl von Episoden wie Tage. Jugendliche hatten von Ängsten und Erlösungssehnsucht in einem Jenseits gesprochen. Widerstandsversuche waren weitgehend familiär geblieben. Der Junge, der neben mir saß und am Text beteiligt gewesen war, wie er sagte, hatte wirklich Angst. Angst vor Hartz4. Kein Protest. Nur Angst. Angst als Strategie. Tod als Erfolg. Im Programmheft wurde behauptet, Literatur entstände aus Opferperspektive, Sehnsucht nach Liebe. Die Verantwortung für die Inszenierung trägt Carlos Manuel. Das Untersuchungsmaterial, das er dem Dramentext als Titelauflistung anfügte, bezeugt Belesenheit und Interesse an sozialen Fragen, nicht an Problemlösungen, Intellektuelle Erkenntnis sei der Tod der Kunst./p>

AMERIKA

 Der Tagesspiegel 01/09

Tugend zeichnet Franz Kafkas Held Karl Roßmann aus. Der Sechzehnjährige, von seinen Eltern zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amerika geschickt, lebt in einer Welt, die es nicht gibt. Gerechtigkeit, Kameradschaft, Solidarität, Sauberkeit, so schildert es das Romanfragment Amerika, sind ihm Richtschnur. Im so hoffnungsvoll betretenen neuen Kontinent muss Roßmann mit diesen Grundsätzen scheitern, naive Unschuld hat im gesuchten, aber längst verlorenen Paradies keine Chance. Die unvollendete, 1912 begonnene Erzählung ist schon oft auf die Bühne geholt worden, jetzt von der JugendTheaterWerkstatt Spandau in Zusammenarbeit mit dem Theater an der Parkaue – ein Ereignis. Vierzig Darsteller im Alter von 15 bis 65 Jahren und zehn Assistenten erarbeiteten sich Text und Aufführung unter Leitung von Carlos Manuel. Ihnen gelang ein quicklebendiger Theaterabend (zuerst im August 2008 in Spandau gezeigt) mit einprägsamen Bildern und fast quirliger Beweglichkeit, die auch die Zuschauer zu Ortswechseln zwingt. Eine steile Schräge, mit Treppen und Durchschlupfen (Bühne: Fred Pommerehn) nimmt die Szenen auf. Karl Roßmann ist mehreren Darstellern anvertraut, und dieses Prinzip des gleitenden Rollenwechsels bestimmt die dreistündige Aufführung – Männer spielen Frauen, Frauen Männer, die Protagonisten mischen sich wieder in den Chor und gehen aus ihm hervor. Streikszenen, Wahlkämpfe, Vorstadtabenteuer sind hineingeschnitten, Operettenseligkeit klingt auf, parodistische Opernschluchzer kommen zu Gehör, es wird getanzt und gesungen. Vom Eingangsbild auf der Hinterbühne bis zum Engelchor des „Naturtheaters von Oklahoma“ herrscht unbändige Spielfreude – und staunenswerte pantomimische und sprachliche Disziplin.

WHO IS WHO

 ZEIT 08/10

Der Fotograf Patryk Witt experimentierte unter dem Titel Who ist Who im Bereich Portraitfotografie mit Perücken, Schminke, Collage und Morphing und verdichtete das Textmaterial der Jugendlichen zu einem Text, der innerhalb einer Ausstellung lesbar ist und irritieren konnte, weil er unterschiedlichste Erlebnisse, Sehnsüchte in einem Erzähler konzentrierte. Er arbeitete als Fotograf mit geringer Tiefenschärfe. Die Augen der Modelle zeigen im Warten aufs erlösende Klicken einen Blick zwischen Wirklichkeitswahrnehmung und Träumen…

NACHTASYL

 Berliner Zeitung 10/04

Das Falkenhagener Feld ist ein Stadtteil Spandaus und ein Problemkiez. In den Plattenbauten wohnen etwa 40 000 Menschen – oft in Angst, denn die Kriminalität hat stark zugenommen. Das soll sich nun ändern: Die Jugend Theater Werkstatt Spandau, die seit 1987 versucht, Jugendliche durch Schauspielerei von der Straße zu holen, zeigt jetzt in einer Ausstellung – begleitend zu den Vorstellungen – Möglichkeiten für eine sinnvolle Freizeit. Generationsübergreifende Computerworkshops oder ehrenamtliche Aktionen zur Quartiersverschönerung sind nur zwei der Ideen. Es passt zu ihrem Leben im Problemkiez, dass sich die Laienschauspieler zwischen elf und 61 Jahren in diesem Jahr für Maxim Gorkis „Aufbau West/Nachtasyl“ entschieden haben. Gorki beschreibt die Resignation von Alkoholikern, Prostituierten und Dieben, in die durch das Auftauchen von Luka zwar ein Hoffnungsschimmer kommt, wodurch die Trostlosigkeit allerdings auch erst ins Bewusstsein tritt: „Wozu lebt man denn?“- „Man lebt um zu sterben.“ Der Regisseur Carlos Manuel, der schon 2002 mit der Theatergruppe und dem Stück „Peer Gynt“ an den Berliner Festwochen teilgenommen hatte, erkannte die Bezüge, die zwischen diesem Stück und dem Leben im heutigen Problemkiez bestehen. Jede einzelne Person trägt Tragik in sich – und diese nimmt man den 18 Laienschauspielern auch ab. Durch die Kürze der Auftritte aber auch die einengende Atmosphäre von Fred Pommerehns Bühnenbild wird deutlich, wie unwichtig man sich in einer solchen Umgebung oft fühlen muss. Vielleicht kann so in den Besuchern aus dem Kiez der Wille geweckt werden, an ihren Lebensumständen etwas zu ändern.

WILDE HUNDE

 ZITTY 12/99

Die JugendTheaterWerkstatt Spandau (Regie: Serdal Karaça) versucht erst gar nicht, dem Tarantino-Film hinterher zu spielen. Vielmehr ist ein Abend entstanden, der sich die Mittel des Theaters zunutze macht. Die körperliche Präsenz der unmittelbaren Gewalt wird konfrontiert mit Diabildern. Zu den stehenden Bildern werden Dialoge eingespielt und über einen Fernseher die Auf- und Abgänge gefilmt. Das schafft eine Verschiebung von Wahrnehmungsmustern, etwas wie die Beobachtung beim Beobachten von gewohnten (Film- und Theater-)Bildern. Im Grunde ist das ein Aufklärungsprojekt, das uns die abgestumpfte Wahrnehmung schmerzlich vor Augen führt und die Lust an der Gewalt reichlich versäuert, ohne in platter Medienkritik zu verharren.

PEER GYNT

 Berliner Morgenpost 07/01

Falkenhagener Feld – Kultur am Rande der Großstadt gibt es fast nur in der Spandauer Zitadelle. Wer die «Peer Gynt»-Inszenierung der Jugend-Theaterwerkstatt Spandau e.V. (JTW) im betonklotzartigen Klubhaus Westerwaldstraße besucht, kann die klaustrophobische Enge inhalieren, die einen überkommt, wenn man sich in die Hochhaussiedlung am Stadtrand verirrt. Im ersten Teil des Ibsenstückes bietet der schwarze Raum ein Bild vom spießbürgerlichen Kaff, aus dem Flucht die einzige Lösung scheint. Klatsch, Gewalt, Suff, Fremdenfeindlichkeit, etliche gescheiterte Existenzen – das ist der Stoff, dem der junge Blender und Phantast Peer (Eralp Uzun), noch reich an unerfüllten Wünschen, zu entrinnen sucht. Je mehr Bier strömt, um so widerlicher entwickelt sich die Gruppendynamik des Mobs. Mittendrin begegnet er dem fremden, aber reinen Geschöpf, der Zuzüglerin Solvejg, eine Rolle, die Diana Römer-Duque bis zu Peers Ende in liebender Hingabe mit Zurückhaltung, Geduld und Verletzlichkeit ausfüllt. Nach einem Brautraub, der ihm Verfolgung einbringt, und dem Tod seiner Mutter wird Peer von käuflichen Sehnsüchten übermannt. Im zweiten Teil inszeniert Carlos Manuel den reiferen, rastlos-suchenden Peer (Martin Schielke) im Konsumrausch. Las Vegas als schillernde, künstliche Plastikwelt – kaufen, benutzen, wegwerfen. In diesem 24-Stunden-Konsumtempel entwickeln Regisseur Manuel und Bühnenbildner Fred Pommerrehn einen lustvoll-erotischen Bilderrausch, mit einfachsten Mitteln: Plastik und Karton, kunterbunt illuminiert. In dem Moment, wo Peer Geld hat, verblasst der rosarote Glanz der Hüllen, käuflichen Waren und Wesen. Das Verhältnis zwischen Anitra (Sabine Dotzer verrät großes Talent) und dem Propheten Peer, der er nun nicht mehr sein will, illustriert das Missverhältnis heutiger Werte. Peer verliert alles, noch dazu während der Show. Und wir Zuschauer sitzen inmitten des Mülls, müssen uns auf den Hockern drehen und den Hals verrenken, um dem Master of Ceremony oder Gott (Claudius Mach) zu folgen. Diese Figur – genialer, unbedingt sehenswerter Regiestreich – fügte Manuel nachträglich hinzu. Sie birgt auch den Part des Irrenhausvorstehers Begriffenfeldt in sich. So fand Manuel ein Symbol für den Adressaten all unserer Wünsche und Hoffnungen, aber auch für das Energiefeld unserer Lebenslust und seine Unkontrollierbarkeit. Machs Singstimme erinnert nicht zufällig an Rio Reiser («Wenn ich König von Deutschland wär»). Peers Suche nach seiner Identität endet mit einem Ohnmachtsanfall. Auf leisen Sohlen kehrt der gealterte Peer (Martin Daerr) abenteuermüde ins Kaff zurück. Nach allen Häutungen bleibt nichts von ihm übrig. Eine Reproduktionsagentin der Genbank erwartet schon seine Erbmasse zur Wiederverwertung. Seine Identitätskrise wird von der ewig-liebenden Solvejg beendet, die ihn im Gedächtnis behielt. Der Wunsch nach Unvergänglichkeit bleibt unerfüllt. 29 Laiendarsteller landen erfahrungsreicher in der Wirklichkeit.